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Wunderwaffe Mirkokredit?

Mikrokredite gelten als die Wunderwaffe der Entwicklungshilfe schlechthin. Nicht nur gegen Armut, gegen einfach alles Übel der Welt soll sie wirken: Hunger, Krankheit, Diskriminierung, Kriminalität. Seit Muhammad Yunus, Gründer der Grameen Bank, 2006 den Friedensnobelpreis gewann, darf man wieder glauben, die Menschheit vor sich selbst zu retten sei so einfach.

Seit 1976 schon gewährt Muhammad Yunus armen Frauen aus Bangladesch Mikrokredite, damit sie und ihre Familien aus der Armut entkommen. Erst aus eigener Tasche, später gründet er zu diesem Zweck die Grameen Bank. Heute hat er die Hoheit über den Diskurs längst verloren, ihn dominiert jetzt die Weltbank. Jedes Jahr lässt sich dem Bericht der Weltbank nachlesen, welch riesige Summen man zur Verfügung stellte, wie viele neue Empfänger endlich ihre Träume verwirklichen konnten, wie sich nebenbei die Frau emanzipiert, wie sich die Wirtschaftskraft der Bauern multipliziert. Es wird dabei geflissentlich ignoriert, dass es bis heute keinen wissenschaftlichen Nachweis über die Effizienz von Mikrokrediten gibt. Einmal davon abgesehen, dass Herr Yunus zu einem Zinssatz von 10-15% riet und der weltweite, durchschnittliche Zinssatz für Mikrokredite heute bei 37% liegt, gilt es noch etwas zu beachten: das entliehene Geld muss natürlich so investiert werden, dass zusätzliche Gewinne erzielt werden, ansonsten wird es schwierig die Schulden auch wieder zu tilgen.

Drei Wissenschaftler der Universitäten Yale und Pennsylvania, Santosh Anagol, Alvin Etang und Dean Karlan, haben in dieser Hinsicht eine wichtige Entdeckung gemacht. Sie untersuchten, in was indische Bauern denn ihr Geld investieren und fanden heraus: in Kühe. Daraufhin versuchten sie die Rendite einer Kuh zu errechnen, anhand der gegebenen Liter Milch und der Anzahl der geborenen Kälber. Außerdem wurde berücksichtigt, dass aus dem Dung der Kühe Brennmaterial hergestellt wird. Kosten für Futter, die Dauer der täglichen Pflege und die Abschreibungen auf den Verkaufswert wurden subtrahiert. Herauskam eine negative Rendite - will heißen, ein Bauer, der das Geld, dass er durch einen Mikrokredit erhält, in eine Kuh investiert, steht am Ende womöglich noch schlechter da als vorher – und hat Schulden.

Eine Kuh könnte man also meinen, sei kein lohnendes Investitionsprojekt. Warum aber kaufen die Bauern dann dennoch Kühe? In ihrer Studie schließen die Wissenschaftler aus, dass der Kauf rein religiös motiviert ist, auch die Versorgung der Familie mit frischer Milch hat für sie nur eine geringe Erklärungskraft. Die Autoren der Studie verweisen stattdessen auf ein weiteres Problem des Finanzsektors: die Bauern haben oft nicht nur keinen Zugang zu günstigen Krediten, sie haben auch keine Möglichkeit ein Sparbuch anzulegen. Um also langfristig Geld zu sparen ohne in Versuchung geraten es vorzeitig wiederauszugeben, stecken sie das Geld nicht in eine Sparbüchse, sondern kaufen ein Kuh. Die kann man nur als Ganzes wieder veräußern. Keine besonders attraktive Anlageform, gehen doch große Einbußen damit einher, aber Alternativen gibt es oft keine.

Statt also den Unternehmergeist der Kleinbauern mit Mikrokrediten zu beschwören und Wirtschaftswachstum anzupreisen, wäre es sinnvoller ein sehr viel grundlegenderes Bedürfnis zu stillen: das nach einem gewissen Maß an finanzieller Sicherheit. Nicht jeder Bauer träumt davon seine Anbautechniken dank eines Mikrokredits zu revolutionieren. Ein bisschen Geld für eine ungewisse Zukunft zurücklegen, das könnte ein Anfang sein.

Mehr über das indische Kuh-Paradox kann man in folgendem Artikel erschienen auf Zeit Online, nachlesen: http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-10/indien-bauern-rinder-investition-s..., zuletzt abgerufen am 28.10.2013

Ein weiterer Artikel zum Thema findet sich auf Spiegel Online: http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/mikrokredite-untersuchungen..., zuletzt abgerufen am 01.01.2014

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