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A wie Apfel

Das Recht auf Bildung wurde 2005 in der indischen Gesetzgebung verankert. Dennoch liegt die Alphabetisierungsrate der Frauen, also der Anteil der weiblichen Bevölkerung der Lesen und Schreiben kann, nur bei  ungefähr 55 %! Betrachtet man den ländlichen Raum, so ist das Ergebnis noch entmutigender: weniger als die Hälfte der Frauen kann Schreiben und Lesen. Dem gegenüber stehen 76 % der Männer, die die Schrift beherrschen, der Unterschied zum ländlichen Raum ist gering. Wer nicht Lesen und Schreiben kann, der ist klar benachteiligt, denn er ist zum Beispiel nicht in der Lage eine Nachricht zu hinterlassen, sich über Vorgänge in seinem Umfeld in der Zeitung zu informieren oder selbstständig einen Vertrag abzuschließen. Ein Analphabet kann nicht wählen gehen. Er kann sich schlicht seiner Rechte niemals sicher sein! Analphabetismus zementiert die Abhängigkeit der Frau. Aber nicht notwendiger Weise: Bildung ist und bleibt der wichtigste Anknüpfungspunkt für jedes Engagement, dass sich die Emanzipation der Frau zum Ziel gesetzt hat.

Aus diesem Grund ist es von Nutzen, ein Mal einen Blick auf das indische Bildungssystem zu werfen. Indien ist ein Bundesstaat und Bildung obliegt der geteilten Kompetenz von Zentralregierung und Bundesstaaten. Aufgrund der großen Heterogenität Indiens gibt es aber keine einheitliche Unterrichtssprache. Landesweit verbindlich ist die vierstufige Grundstruktur des Schulsystems:

  • primary education: 1.-5. Klasse
  • upper primary education: 6.-8. Klasse
  • secondary education: 9.-10. Klasse
  • higher secondary education: 11.-12. Klasse

Es ist inzwischen üblich, dass die Kinder vor der ersten Klasse im Alter von 3- 6 Jahren eine Vorschule besuchen. Dort wird bereits das Alphabet und die Zahlen bis 100 gelehrt. Wer nicht zur Vorschule geht, hat beim Eintritt in die erste Klasse häufig Nachteile und große Schwierigkeiten mitzuhalten. Der Abschluss der zehnten Klasse ist vergleichbar mit einem Realschulabschluss und ermöglicht den Besuch einer Berufsschule. Wer die zwölfte Klasse abschließt, ist berechtigt, an den Aufnahmetests der Universitäten teilzunehmen.

Ein großes Problem, insbesondere in den nördlichen Bundesstaaten, sind die schlechte Ausbildung und zu geringe Bezahlung der Lehrer, damit einhergehend extrem hoher Unterrichtsausfall durch Lehrerfehlzeiten und ein nicht unübliches Lehrer-Schüler-Verhältnis von nahezu 1:100. So kommt es, dass auch viele Kinder, die die fünfte oder gar achte Klasse abschließen nicht einmal flüssig lesen, geschweige denn den Inhalt einfacher Texte wiedergeben können. Verschärft wird das Problem in ländlichen Gebieten durch nicht regelmäßiges Erscheinen der Schüler im Unterricht aufgrund des langen Schulwegs oder weil ihre Arbeitskraft Zuhause gebraucht wird. In Indien ist es außerdem üblich am Nachmittag mit einem Nachhilfelehrer den Stoff aufzuarbeiten und Hausaufgaben zu machen. Arme Familien sind nicht in der Lage eine solche Nachhilfe zu bezahlen, sie können nicht mal das Geld für Schulbücher, Uniform, Hefte oder einen einzigen Stift aufbringen. Da die Eltern selbst meist nicht zur Schule gegangen sind, ist es ihnen kaum möglich ihr Kind zu unterstützen. Ihre Kinder sind gegenüber Kindern wohlhabenderer Eltern, die in der Stadt aufwachsen, krass benachteiligt und so nicht in der Lage, den Armutskreislauf zu durchbrechen.

Aufgrund der chronischen Unterfinanzierung und Qualitätsmangels der staatlichen Schulen entwickelt sich ein blühender Markt für kostspielige Ausbildungsstätten.  In Indien ist ein riesiger privater Bildungssektor entstanden – vom Kindergarten bis zum Universitätsabschluss. Der Zugang ist aber nur Kindern aus wohlhabenden Familien offen. Von gleichen Chancen auf Bildung kann in Indien deswegen keine Rede sein, noch immer bestimmen Kaste, Herkunft und Geschlecht maßgeblich welchen Schulabschluss man erlangt – wenn man denn überhaupt einen erlangt. Besonders benachteiligt sind, wie es auch die Alphabetisierungsrate zeigt, Mädchen und Adivasi (Ursprungsbevölkerung Indiens, traditionell Bauern). Deswegen befinden sich die Schulen in denen die Schwestern des St. Joseph Sevika Sanstha tätig sind ausschließlich in sehr abgelegenen Regionen – dort, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Und deswegen machen wir uns bei den Eltern dafür stark, dass sie ihre Töchter zur Schule schicken.

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