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Mutter Baptista

Am 27. Juli 2009 – am Abend, als in unserer Schule der alljährliche Indienabend stattfand – verstarb nach langer schwerer Krankheit in den Niederlanden Schwester Baptista Simons. Fast fünfzig Jahre ihres Lebens stand sie in unermüdlichem Einsatz für die Menschen in Indien. In einem Land mit über einer Milliarde Menschen, in dem der Einzelne oft nichts zählt, war für sie jeder Mensch kostbar und wertvoll, besonders aber der Arme.

Am 27. August 2009 feierte in Indore/Zentralindien Erzbischof Leo Cornelio zusammen mit einem weiteren Bischof und 50 Priestern das Requiem für sie. Hohe Vertreter aller Religionen Indiens waren im Gottesdienst anwesend. Trotz Monsunregens waren mehr als 2000 Menschen gekommen, um von ihrer „Großen Mutter“ Abschied zu nehmen. Sie ist im Garten ihres Mutterhauses, dem „Social Welfare Centre“, begraben worden. Schwester Baptista ist nun wieder nach Hause zu den Menschen zurückgekehrt, die sie geliebt hat und die sie lieben und verehren. Viele Eltern und Schülerinnen haben diese beeindruckende Frau an den Indienabenden kennengelernt. Sie stand in mehr als zehn Jahren vor allem in engem Kontakt mit der „Eine–Welt–AG“.

Ein Auszug aus einer Rede, die zu Beginn des Gottesdienstes am 1. August 2009 in den Niederlanden von einem langjährigen Freund gehalten worden ist, macht die einmalige Persönlichkeit dieser Ordensfrau deutlich. „Schwester Baptista zu gedenken, bedeutet von einem immerwährenden Kampf für Arme und chancenlose Menschen zu berichten. Es bedeutet, sie inmitten einer großen Kinderschar aus den Slums zu sehen, immer mit der unzertrennlichen Schürze angetan. Es bedeutet, sie zu sehen, wie sie sich für die Ärmsten der Armen einsetzte, für die Frauen und alten Menschen, für die Leprakranken und für ihre eigenen Waisenkinder, für die sie ein Haus gebaut hatte mit dem Namen „Hamara“, was soviel heißt wie “von uns“. Immer wieder stellte sie sich die Frage: “Was kann ich noch mehr tun für diese Bevölkerung, dieses Volk der Armen?“

Im Jahre 1965 hat sie daher die indische Gemeinschaft der „Schwestern des Hl. Josephs des Arbeiters“ gegründet, der inzwischen 230 indische Schwestern angehören, die in über 30 Missionsstationen ihr Lebenswerk weiterführen. In Gottes Auftrag zu arbeiten – das war ihr Leitsatz. Ich sehe sie vor mir als tatkräftige und durchsetzungsfähige Frau mit starkem Willen, als Kapitän auf ihrem Schiff, ganz ihrer Mission hingegeben. Sie folgte ihrer Berufung auf ihre je eigene Weise, durch dick und dünn. Wenn es nicht anders ging, hat sie mit lauter Stimme gefordert, was ihr notwendig erschien. Es war sicher nicht immer einfach, weder für ihre Umgebung, noch für sie selbst, Ungerechtigkeit immer wieder neu anzuprangern und zu bekämpfen. Ihr Humor, ihre Witze, die Streiche, die sie spielen konnte, waren ein Ausgleich für ihren so strengen Alltag. Mit ihrem Lachen machte sie oft deutlich, wie relativ doch alle unsere menschlichen Anstrengungen sind. Die indische Gesellschaft befindet sich im Umbruch. Neue Entwicklungen und neue Probleme kamen auf Schwester Baptista zu. Sie stellte sich aber auch diesen neuen Herausforderungen mit neuem Mut und schöpfte die Kraft dafür im Gebet und in ihrem unerschütterlichen Glauben. Wegen ihrer zunehmenden gesundheitlichen Schwierigkeiten – die vielen Jahre in tropischem Klima waren nicht spurlos an ihr vorübergegangen – wurde das Leben in Indien mit den vielen Aufgaben, die sie täglich zu bewältigen hatte, für sie immer anstrengender. So kehrte sie daher Anfang 1999 im Alter von 80 Jahren in die Niederlande zurück. Obwohl es mit Schwester Baptistas Gesundheit ständig abwärtsging, setzte sie sich mit aller Kraft weiterhin für die Menschen in Indien ein, erfüllt von den Erinnerungen an Indien und „ihre“ Kinder. In Chikliya, einer ihrer Missionsstationen, steht zu lesen: Die Sonne geht auf und geht unter, aber für wen? Schwester Baptista hat ihr ganzes Leben eingesetzt, um diese Antwort zu finden.

Ulrike Menz (Übersetzung aus dem Niederländischen)

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